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Herr Carlson ist uns abhanden gekommen. Seit Jahren kaufen wir bei ihm ökologisch, selbstangebautes Gemüse und Obst auf dem Lausitzer Öko-Markt in Berlin. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Herr Carlson ist groß, hat einen Bart, längere Haare und sein Auftreten hat etwas von einem Vickinger. Ruhig und gelassen nimmt er die ausgewählten Karotten und Äpfel in seine bunte Bauernschüssel aus Blech und wiegt alles aus. Natürlich weiss ich durch unsere seit Jahren gewachsene Beziehung, daß ich eine neue Bestellung oder eine Frage zum dargebotenen Gemüse erst ausspreche wenn die Schüssel ausgewogen ist und der Betrag in einen Taschenrechner getippt ist.

Herr Carlson würde sonst abgelenkt werden und weder hätte er eine Antwort parat noch würde er die Schüssel fertig auswiegen. Alles ginge von vorne los.

Das Einkaufen wird so zu einem Ritual und nach Übergabe der Ware in meine Tasche und der Bezahlung huscht beim Verabschieden ein kleines Lächeln über das Gesicht von Herrn Carlson.

Eines Tages war Herr Carlson nicht mehr am Stand, in der ersten Woche dachten wir an Urlaub oder eine Krankheit. Aber in der dritten Woche nach Carlsons Verschwinden lag ein kleiner handgeschriebener Zettel auf dem Tisch des früheren Standplatzes. Herr Carlson bedankt sich darin bei seinen Kunden, als Grund für sein Fernbleiben gibt er die Umweltzone in Berlin an. Sein Transport-Auto bekommt nur die gelbe Plakette, er kann nicht mehr kommen.

5 Monate später fahren wir zum „Buckower-Gartentag“ und wir sind wie vom Donner gerührt. Herr Carlson verkauft hier eine kleine Auswahl an Pflanzen. Er hat uns sofort erkannt und freudig begrüsst er uns. Heiter erzählt er, der früher so schweigsam war, von seinen Pflanzen und dass der Stress in seinem Leben ohne Gemüsemarkt viel weniger geworden ist. Er sei ein Mann der Pflanzen und nicht des Handels.

Die seltsamen Pflanzen, die er anbietet, nennt er „Kartoffeltomate“: sie sieht aus wie eine Kartoffelpflanze soll aber buschig, kräftig werden und gute widerstandsfähige Tomaten tragen (eine überlieferte Familienpflanze – seine Eltern haben sie seit 30 Jahren auf dem Balkon).

Die „Kartoffeltomate“ wuchs zu einem kleinen gedrungenen Busch und tatsächlich beginnt sie eine grössere Anzahl von kräftigen Tomaten zu tragen. Diese wurden nun so schwer, daß ich nach einem Regenschauer vormittags blitzschnell zur „Ersten Kochlöffelhilfe“ greifen musste. Andernfalls wäre die Staude abgebrochen. Den ganzen Tag musste ich wieder an Herrn Carlson denken.-

Nachtrag: Die ersten Tomaten sind gereift und schmecken kräftig, saftig, fast ein wenig fruchtig.

© Kormoranflug 2010

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