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Mit drei Jahren bin ich vom Kindergarten abgehauen und habe mich auf den Weg gemacht zur zwei Kilometer entfernten Elfenbeinschnitzerei. Die Schnellstrasse zu überqueren und der verschlungene Weg waren kein Hindernis für mich. Das rückwärtige Park-Tor war verschlossen. Doch die heimlich hinter einem Schuppen rauchenden Arbeiter liessen mich herein. Meine Mutter war dem Herzinfarkt nahe, aber von diesem Tag an musste ich nicht mehr in den von mir so gehassten Kindergarten gehen.
Die jungen Elfenbeinschnitzer kamen aus Tschechien und Rumänien. Mit Zahnarzt-Bohrmaschinen ähnlichen Instrumenten wurde das Elfenbein geschnitzt. Über den Köpfen surrten runde Lederbänder, über kugelförmige Treibschnurantriebe wurde die Kraft an die verschiedenen Arbeitsplätze mit Doriotgestängen gelenkt.
Die Elfenbeinkammer war stets verschlossen. Hier lagerten lange Stoßzähne von Elefanten und Büffelhörner. Ausserdem gab es noch ein muffig riechendes Lager von Ebenholz. Das Ebenholz wurde zu Sockeln für die grösseren Schaustücke aus Elfenbein verarbeitet. Die begabten Schnitzer machten aus einem Stosszahn eine ganze zusammenhängende Elefantenherde. Brach etwas aus den ziselierten Schnitzereien ab, gab es immer einen ziemlichen Krach mit dem Fabrikbesitzer, einem bekannten Elfenbein-Künstler.
Dann musste umentworfen und umgeschnitzt werden. Vom Kaffeekannendeckel, Messergriff, Elefanten, Kamele, Löwen, Wildschweine, Hasen, Maus, Marienstatuen, Jesus am Kreuz wurde alles nur erdenkliche geschnitzt. Es wurde alles bis auf das kleinste Stück verwendet. Aus Resten wurden noch durchbrochene kleinen Kugeln für „Elfenbein-Ketten“ gefertigt. Manchmal auch die Skulptur mit drei Affen: einer hält sich die Hände vor die Augen und sieht nichts, der andere hält sich die Ohren zu und hört nichts, der dritte hält sich die Hände vor dem Mund und spricht nichts.

Meine Mutter arbeitete an einer Polierscheibe. Es gab verschiedene Polier-Scheiben und Maschinen für Elfenbein und für die Sockel aus Ebenholz. Sobald dieses in mehreren Schritten vom rauhen Holz zum glatten Ebenholz verändert wurde, glänzte es schwarz, geheimnisvoll und edel.
So vertrieb ich mir die Zeit mit dem Zusehen bei den Schnitzern, sprach mit den Papageien in den Parkvolieren und begann, wenn die Maschinen ausgeschaltet wurden, von mir unter den Tischen gefundene Reststücke zu bearbeiten und zu polieren.
Die Besitzer erkannten meine Fähigkeit besonders winzig kleine Dinge zu halten und zu polieren. Als Dank bekam meine Mutter einen gering besseren Stundenlohn und ich ab und zu ein komplett kaputtes Schnitzteil – zum Beispiel einen Elefanten mit drei Beinen.

© Kormoranflug 2017

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